
Franz-Ludwig Strauss
100 Jahre Barmherzige Brüder Rilchingen 1917-2017
Unter Mitarbeit von Ursula Strauss. Herausgeber: Barmherzige Brüder Rilchingen, Kleinblittersdorf-Rilchingen. Proprint-media Michaeli. Saarbrücken [2017], 120 Seiten, broschiert, ohne ISBN
Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling
Dass ausgerechnet ein Kaminkehrer Meister die Krankenpflege zu seinem Lebenswerk erwählt, erscheint mehr als unwahrscheinlich. Und doch war es der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Peter Friedhofen (1819-1860), der seinen Beruf aufgab und am 13. November 1850 in seinem Heimatort Weitersburg (heute eine Ortsgemeinde im Landkreis Mayen-Koblenz in Rheinland-Pfalz) eine Genossenschaft von Laienbrüdern zur Haus- und Hospitalpflege von männlichen Kranken gründete. Für seine Gemeinschaft, die bis heute besteht, schrieb ihm der damalige Trierer Bischof Wilhelm Arnoldi (1798-1864) die Regel des heiligen Augustins und die Statuten der Alexianer vor, um die seit 1802 unterbrochene Tradition der Alexianer in seiner Diözese wieder aufleben zu lassen. Bei der Neufassung dieser Statuten im Jahre 1857 gelang es Friedhofen, eigene, über das Alexianer Ideal hinausgehende Gedanken (Ordenspatrone: Maria und Aloisius, Abänderung des Ordenskleides und -namens, stärkeres Gemeinschaftsleben in eigenen Hospitälern, allgemeine karitative Tätigkeit) darin zur Geltung zu bringen.
Die Gemeinschaft der Barmherzigen Brüder, die diese Forderungen aber erst nach dem Tod ihres Gründers vollständig verwirklichen konnte, erhielt 1905 und 1910 sowie endgültig am 29. April 1926 die päpstliche Bestätigung. Danach besteht die äußere Aufgabe der Gemeinschaft, die seit dem Jahre 1888 ihren ständigen Sitz in Trier hat, deshalb auch als Barmherzige Brüder von Trier bekannt ist und seit 1946 den Namen „Barmherzige Brüder von Maria Hilf“ führen, in der Ausübung der Werke der christlichen Nächstenliebe durch Verpflegung männlicher Kranker in Spitälern und Familien ohne Unterschied des Standes, der Religion und der Krankheit, sowie durch Betätigung auf allen übrigen Gebieten der Karitas.
Seit 1853 breitete sich die von Peter Friedhofen – Papst Johannes Paul II. (1920-2005) sprach den 1860 verstorbenen Ordensgründer am 23. Juni 1985 selig – gegründete Kongregation stark aus und erreichte im Laufe der Jahre eine Vielzahl von Niederlassungen. Heute sind die Barmherzigen Brüder vertreten in Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Italien, Brasilien, Malaysia und Singapur. In Deutschland sind es die Krankenhäuser in Trier, Koblenz, Bonn, Paderborn, Marsberg, Bad Mergentheim sowie die Einrichtungen für alte und behinderte Menschen in Saffig (Ortsgemeinde im Landkreis Mayen-Koblenz in Rheinland-Pfalz), Trier-Schönfelderhof (Rheinland-Pfalz) und Rilchingen (einem Ortsteil der saarländischen Gemeinde Kleinblittersdorf im Regionalverband Saarbrücken).
Die Einrichtung in Rilchingen mit ihren gegenwärtig rund 360 Mitarbeiter*innen, die täglich mehr als 600 behinderte, alte und kranke Menschen betreuen, pflegen und umsorgen, konnte 2017 auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken. Die Barmherzigen Brüder nahmen das Jubiläum zum Anlass, die vorliegende Festschrift herauszugeben, die von Franz-Ludwig Strauss unter Mitarbeit von Ursula Strauss erarbeitet wurde. Der Autor, der als ausgebildeter Bauzeichner und Bauingenieur zuletzt bis zu seiner Pensionierung als Berufschullehrer tätig war, engagiert sich nicht nur im Be1964) und Chorleiter (1980 bis 2016), sondern seit vielen Jahren auch in der Erforschung der Lokalgeschichte. Hierzu veröffentlichte er eine Vielzahl von Aufsätzen, ebenso wie 1996 und 2013 ein zweibändiges Werk zur 750-Jahr-Feier seiner Heimatgemeinde.
Zu der ansprechend gestalteten Festschrift haben die folgenden zehn Personen ein Grußwort (S. 4-13) beigesteuert: Alfred Klopries (Hausoberer / Heimleiter) und Oliver Heydt (Kaufm nnischer Direktor), Dr. Stephan Ackermann (Bischof von Trier), Bruder Peter Berg (Generaloberer), Bruder Alfons Maria Michels (Geschäftsführer Barmherzige Brüder Trier e.V.), Andreas Müller (Pfarrer), Annegret Kramp-Karrenbauer (Ministerpräsidentin des Saarlandes), Monika Bachmann (Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes), Stephan Strichertz (Bürgermeister der Gemeinde Kleinblittersdorf) und Dr. Erika Heit (Ortsvorsteherin Richlingen-Hanweiler).
Stellvertretend für andere sei hier Monika Bachmann zitiert, die in ihrem Grußwort über die vielfältige Arbeit der Barmherzigen Brüder schreibt: „Die Barmherzige Brüder gGmbH hat als Mitgestalterin einer sozial gerechten Gesellschaft heute viele Gesichter: Die wichtigsten sind die Seniorendienste mit vollstationären Plätzen u.a. für demenziell erkranke Menschen und ein ambulanter Pflegedienst ebenso wie stationäre und ambulant betreute Wohnangebote für Menschen mit einer geistigen und seelischen Behinderung oder chronischen Suchterkrankungen sowie ein Tagungszentrum“ (S. 11).
Gestützt auf sein umfangreiches Privatarchiv, vor alle aber auf Unterlagen aus dem Archiv der Barmherzigen Brüder Rilchingen und dem Mutterhaus in Trier, stellt Franz-Ludwig Strauss zunächst die Geschichte der Barmherzigen Brüder in chronologischer Reihenfolge in Wort und Bild umfassend dar (S. 17-65). Wie er hierbei zeigt, war der Kauf des Kurbads Rilchingen 1917 den Zeitumständen geschuldet, indem die Barmherzigen Brüder mit der Einrichtung eines Sanatoriums für Kinder auf die Ausbreitung der Tuberkulose reagierten, die damals die Statistik der Todesursachen in Deutschland anführte. 1923 zu einem Kinderheim erweitert, diente das Kurhaus im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) als Lazarett mit Operationssaal (500 Betten) und danach als Versorgungsstätte für Kriegsheimkehrer und alte M nner. Im Laufe der Jahre – nach Umbauma nahmen und Nutzung für Silikose Kranke Bergleute – wurde das Leistungsangebot der Pflege von lteren Menschen in den 1960er Jahren um die Betreuung von chronisch alkoholkranken, geistig und psychisch behinderten Menschen erweitert. 1983 konnte dann das neugebaute St.-Vinzenz-Haus mit 130 vollstationären Plätzen und 15 Kurzzeitpflegeplätzen eingeweiht werden. Um die Selbstbestimmung hilfsbedürftiger Menschen zu stärken, existiert unter anderem seit 1994 der „Rollende Mittagstisch“ und seit 2010 ein ambulanter Pflegedienst.
In weiteren Kapiteln stellt der Autor sodann die Geschichte aller Kapellen (Herz-Jesu-Kapelle im Haus St. Josef, die Kapelle im Kinderheim und die Kapelle im Haus St. Vinzenz) im Anwesen der Barmherzigen Brüder Rilchingen einschließlich ihrer künstlerischen Ausstattung (S. 66-79) sowie Leben und Werk von Peter Friedhofen (S. 81-84) vor, um dann unter der berschrift „Barmherzige Brüder Rilchingen – ein Unternehmen mit Zukunft“ (S. 85-97) auf die jüngsten Entwicklungen einzugehen.
Ergänzt wird die durchgängig mit Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierte Darstellung durch eine Zeittafel der Barmherzigen Brüder in Rilchingen mit den wichtigsten Ereignissen (S. 98-104) sowie eine Übersicht über die Vorsteher und Hausoberen der Barmherzigen Brüder Rilchingen (S. 105-106), ebenso wie über die dort tätigen Seelsorger und Seelsorgerinnen (S. 107). Gewünscht hätte man sich hier noch ein eigenes Kapitel, das speziell die „Pflege“ und ihre Entwicklung im Verlauf der letzten hundert Jahre auf lokaler Ebene in den Blick nimmt.
Unterdessen bleibt positiv hervorzuheben, dass die mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestattete Veröffentlichung kein „Eigengewächs“ ist, indem die Verantwortlichen einen Autor außerhalb ihrer Reihen mit der Erstellung beauftragt haben. Im Gegensatz zu manch vergleichbarem Werk wurde auch bei den Abbildungen, zumindest bei der weitaus überwiegenden Zahl, darauf geachtet, dass sie nicht nur eine fürs Auge angenehme Größe haben, sondern auch bestens beschriftet sind.
Finanziert wurde die Festschrift, die für einen Euro Schutzgebühr zugunsten des Fördervereins der Barmherzigen Brüder Rilchingen bezogen werden kann (Peter-Friedhofen-Straße 1, D-66271 Kleinblittersdorf- Rilchingen; rezeption@bb-rilchingen.de), scheinbar durch Inserate. Diese wurden dankenswerter Weise zwischendrin und insbesondere am Ende so platziert, dass sie beim Lesen nicht störend sind. Wer sich also über das Wirken der Barmherzigen Brüder Rilchingen im Verlauf ihrer hundertjährigen Geschichte und die damit verbundenen Höhen und Tiefen eingehend informieren möchte, kann dies nun bequem und einfach tun.