
Hubert Kolling (Hrsg.)
Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte „Who was who in nursing history“, Band 9
Verlag hpsmedia, Hungen, 2020, 327 Seiten, broschiert, 34,80 €, ISBN 978-3-947665-03-7
Eine Rezension von Dr. Christine Auer
Wenngleich es in Deutschland seit nunmehr rund drei Jahrzehnten an Fachhochschulen und Universitäten diverse Studiengänge für Pflegewissenschaft gibt, konnte sich die Geschichte der Pflege bislang als eigenes Fachgebiet – im Gegensatz zu den Ländern angelsächsischer Sprache – (noch) nicht etablieren. Dementsprechend sind auch die in der jüngeren Vergangenheit veröffentlichten Arbeiten zumeist dem persönlichen Interesse einzelner Autor*innen geschuldet. Obwohl in diesem Zusammenhang das Engagement der Robert-Bosch-Stiftung (Stuttgart), die in der Vergangenheit wenigstens zeitweilig auch einige pflegehistorische Dissertationsprojekte förderte, hervorgehoben werden kann, werden mittlerweile entsprechende Forschungsprojekte schon als Sackgasse für eine wissenschaftliche Karriere gesehen.
Angesichts dieser Situation mag man es kaum glauben, dass es in Deutschland seit 1997 ein „Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte“ gibt, das inzwischen neun Bände mit zusammen gut 1.400 Einträgen umfasst. Das Werk ist dabei umso beachtenswerter, als es von Beginn an auf einem außeruniversitär angesiedelten Projekt beruht, dem keinerlei finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. Begründet von Horst-Peter Wolff (1934-2017), der zugleich die ersten drei Bände (1997, 2001 und 2004) herausgab, liegt die Herausgebertätigkeit seit dem vierten Band (2008) in den Händen von Hubert Kolling, der regelmäßig Beiträge unter anderem in der von ihm mitinitiierten, nunmehr im neunten Jahrgang zweimal jährlich online und im Druck erscheinenden Fachzeitschrift „Geschichte der Pflege“ veröffentlicht.
Der jetzt vorliegende Band 9 bietet wiederum eine schnelle Übersicht über die Lebensdaten, das Wirken und die Bedeutung von rund 90 Frauen und Männern, die in der Pflege beziehungsweise für die pflegerische Versorgung und deren Weiterentwicklung eine besondere Rolle spielten. Während die überwiegende Zahl von ihnen aus dem deutschsprachigen Raum stammt, werden aber auch einige interessante und pflegehistorisch bedeutende Persönlichkeiten aus anderen Ländern (Brasilien, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kroatien, Niederlande, Polen, Taiwan, Tschechien und USA) vorgestellt, wobei entsprechend der beruflichen Entwicklung der Pflege ein gewisser Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert liegt.
Ihr Spektrum ist dabei breit gestreut und reicht – ausgehend von einem weit gefassten Begriff „Pflegeberuf“ – neben unmittelbar in der Pflege Wirkenden von Adeligen und Medizinern über Theologen bis hin zu Gewerkschaftern. Hinzu kommen Pflegehistoriker, Pflegewissenschaftler, Pflegedirektoren, Hospitalgründer und deren Vorsteher, Lehrbuchautoren, Vertreter der mittelalterlichen Krankenpflege, Gründer von Krankenpflegeorden sowie Ordensgemeinschaften und Schwesternschaften, ebenso wie Repräsentanten der Mutterhäuser. Berücksichtigt werden auch solche Personen, die mehr in die Breite als in die Tiefe und mehr zerstörend als aufbauend wirkten. Dementsprechend finden für die Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) sowohl Inhaber von für die Krankenpflege wichtigen politischen Ämtern Aufnahme, als auch solche Pflegepersonen, die sich an der sogenannten „Euthanasie“ beteiligten oder aber dem Unrechtsregime – zumeist unter großem persönlichen Risiko für Leib und Leben – entgegenstellten. Schließlich finden auch die Lebensgeschichten und Schicksale von Förderern beziehungsweise den Praktikern der jüdischen Krankenpflege Berücksichtigung.
Zu den portraitierten Personen gehören auch einige erst jüngst Verstorbene, darunter der Hochschullehrer Heribert W. Gärtner (1955-2017), die Medizin- und Pflegehistorikerin Sylvelyn Hähner-Rombach (1959-2019), die Pflegewissenschaftlerin Edith Kellnhauser (1933-2019) und der Pflegehistoriker Horst-Peter Wolff (1934-2017). Da Letzterer durch seine zahlreichen Arbeiten zur Geschichte der Krankenpflege, darunter zwei gemeinsam mit seiner Frau Jutta Wolff verfasste Lehrbücher, und als Herausgeber der ersten drei Bände des Biographischen Lexikons zur Pflegegeschichte in der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts – wie kaum ein anderer in Deutschland – die Pflegegeschichte prägte und bereicherte, hat ihm Hubert Kolling, in Erinnerung an ihn, den vorliegenden Band gewidmet.
Bei der überwiegenden Zahl der Beiträge, die von 25 Autor*innen aus dem In- und Ausland verfasst wurden, handelt es sich um Neubearbeitungen, in einigen Fällen – zu denen neue relevante Informationen vorlagen – um Überarbeitungen. Aufgebaut sind die einzelnen Beiträge in der Art, dass sie das Leben und Wirken der betreffenden Personen unter Einbeziehung der zeitgenössischen politischen und sozialen Rahmenbedingungen vorstellen. Zudem gibt es für jeden Beitrag separat ein Quellen- und Literaturverzeichnis, wodurch eine weitergehende Beschäftigung oder vertiefende Betrachtung leicht möglich ist.
Mit Blick auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die 2020 anlässlich des 200. Geburtstages von Florence Nightingale (1820-1910) als „Jahr der Pflegenden und Hebammen“ ausrief, und den Weltbund der Pflegenden, dem International Council of Nurses (ICN), der bereits bei seinem Kongress am 28. Juni 2019 in Singapur die weltweite Kampagne „The Nightingale Challenge“ mit dem Ziel startete, eine Generation junger Pflegefachfrauen und Hebammen als Führungskräfte, Praktiker und einflussreiche Interessenvertreter im Gesundheitswesen zu befähigen und zu fördern, weist der Herausgeber in seinem Vorwort darauf hin, dass einige der aktuellen Probleme im deutschen Gesundheitswesen, genauer gesagt der anhaltende Mangel an professionellen Pflegekräften, keineswegs neu sind, wie ein Blick in die Geschichte zeige. Ebenso habe es wohl schon zu allen Zeiten Menschen gegeben, denen die Krankenpflege besonders am Herzen lag und sich deshalb zu deren Verbesserung auf ganz unterschiedlichen Ebenen, etwa „als Führungskräfte, Praktiker und einflussreiche Interessenvertreter im Gesundheitswesen“ immer wieder engagierten.
Zu der 2019 von der Bundesregierung beschlossenen neuen Förderrichtlinie zur Stärkung der Pflegeforschung in Deutschland, wozu „an neu eingerichteten Lehrstühlen oder Abteilungen für Pflegewissenschaft für eine begrenzte Zeit zusätzliche Personalstellen zur Durchführung von Forschungsprojekten zu zukunftsträchtigen Themen mit einer hohen Relevanz für die pflegerische Versorgung“ gefördert werden, hält Hubert Kolling sodann wörtlich fest: „So sinnvoll und notwendig eine solche Initiative ist, wurde hierbei von Seiten der Politik – getrieben scheinbar von schnellen Lösungen zur Beseitigung des aktuellen Pflegenotstands – die historische Pflegeforschung wieder einmal vergessen, oder, vielleicht gar bewusst, außer Acht gelassen, obwohl nur mit einer fundierten Kenntnis der Vergangenheit Situationen der Gegenwart verstanden werden können. Wann es in Deutschland den ersten Lehrstuhl zur Geschichte (und Ethik) der Krankenpflege geben wird, steht jedenfalls noch in den Sternen“ (S. 7).
Insgesamt betrachtet zeichnet der 9. Band des Biographischen Lexikons zur Pflegegeschichte, der mit den Bänden 1 bis 8 durch zahlreiche Querverweise verknüpft ist und ein Gesamtverzeichnis der bislang darin bearbeiteten Personen enthält, wiederum ein buntes Bild der (internationalen) Pflegegeschichte in Lebensbildern. Das Buch ist zunächst für alle pflegehistorisch Forschenden ein äußerst nützliches Nachschlagewerk; es kann aber ebenso gut von allen als spannendes „Lesebuch“ zur Pflegegeschichte genutzt werden. Bleibt die Hoffnung, dass durch die Verbreitung des Buches, das in keiner Ausbildungseinrichtung der Gesundheits- und Krankenpflege fehlen sollte, das bislang nur sehr schwach ausgeprägte historische Bewusstsein der Pflegenden für ihren Beruf gestärkt wird.